Collin Colbow bei den Uppsala Young Champions

Collin in Uppsala
Schach
Sonntag, 04.11.2018 // 17:21 Uhr

Stephan Buchal

In der letzten Oktoberwoche war die hübsche Studentenstadt Uppsala, 80 km nördlich von Stockholm, Schauplatz eines stark besetzten internationalen Jugendturniers. Als einer der jüngsten Teilnehmer schlug sich unser 13-jähriger Werderaner Collin Colbow mit 4,5 Punkten aus 9 Partien beachtlich.

Die „Young Champions“ in Uppsala haben Tradition. Jedes Jahr treffen die stärksten Jugendlichen aus Uppsala und Stockholm auf ein bunt gemischtes Teilnehmerfeld, hauptsächlich aus den nordischen Regionen. In diesem Jahr trafen 10 junge Schweden auf zwei Isländer, zwei Färöer (eine kleine Inselgruppe mit großer Schachtradition), einen Finnen, einen Dänen, einen Letten und einen Deutschen. Die meisten Teilnehmer waren zwischen 16 und 20 Jahren alt, aber es gab auch vier Teilnehmer „U14“, von denen Collin nominell (und tatsächlich) der stärkste war. Ich hatte das Vergnügen, ihn bei diesem Turnier zu begleiten.

Austragungsort war das „Uppsala Schackcentrum“, eine nette Begegnungsstätte für die Schachjugend Uppsalas. Für die familiäre, freundliche und doch professionelle Atmosphäre des Turniers war vor allem der Turnierdirektor, Organisator, Schiedsrichter und Webmaster (alles in einer Person) Carl Fredrik Johansson verantwortlich.

Es war ein richtig anspruchsvolles internationales Turnier mit 9 Runden in 6 Tagen und einer Bedenkzeitregelung von 90 Minuten plus 30 Sekunden für die ganze Partie, ohne Zuschlag nach dem 40. Zug: Also „einmal Zeitnot, immer Zeitnot“, bis zum Schluss der Partie.

Das Turnier begann am Freitag, den 26.10., für Collin vielversprechend – er wurde gleich gegen den jüngsten Teilnehmer im Feld, den 12-jährigen Luitjen Akelsson Apol von den Färöerinseln ausgelost  und konnte seiner Favoritenstellung in einer umkämpften Partie gerecht werden. Danach kam die erste Doppelrunde: morgens um 9 gegen den 18-jährigen „Uppsalaner“ Joakim Nilsson. Collin wurde in der Eröffnung überrascht – unsere Vorbereitung lag meilenweit daneben -, reagierte aber sehr vernünftig und kam nach einigen Ungenauigkeiten seines Gegners deutlich in Vorteil. Ich hoffte schon auf einen „big point“, aber plötzlich leistete der Schwede unglaublich zähen Widerstand und konnte sich in ein ausgeglichenes Turmendspiel retten. Ein gutes Remis gegen einen starken Gegner – aber es war durchaus mehr drin.

Schon am Nachmittag ging es dann gegen den Isländer Hilmir Freyr Heimisson, mit ELO 2271 einer der Favoriten im Turnier - und dann noch mit den schwarzen Steinen. Mit origineller Eröffnungsbehandlung kam der 17-jährige Isländer bald in Vorteil. Stark unter Druck unterlief Collin im Mittelspiel ein Fehler, kurz danach hatte der spätere Turniersieger den vollen Punkt eingefahren.

Am Sonntag konnten wir ausschlafen (Zeitumstellung und kein Schach am frühen Morgen), einen Spaziergang durch das leicht verschneite Uppsala machen und uns in aller Ruhe auf die Mittagsrunde gegen den 16-jährigen Dänen Nicolai Kistrup vorbereiten. Diesmal lief alles fast wie am Schnürchen – die Vorbereitung stimmte, Collin stand gut, der Gegner kam wie erwartet in Zeitnot und Collin gewann die Partie im Königsangriff. Gut gelaunt und mit 2,5 aus 4 nahmen wir das abendliche „Offene Blitzturnier“ in Angriff. Nach der 3. Runde vermeldete Collin die Hiobsbotschaft aus dem Weserstadion (0:3 bei Halbzeit gegen Leverkusen!). Vermutlich lag es daran (?!), dass wir beide in dem gemischten Feld aus „Young Champions“ und „einheimischen Meistern“ nicht so gut abschnitten wie erhofft: Collin  konnte sich mit 6 aus 11 noch im Vorderfeld auf Platz 11 behaupten, während ich mit 5,5 Punkten und Platz 18 im Mittelfeld unterging. Es war eine gelungene und entspannte Veranstaltung, auch wenn es um offizielle Blitz-ELO-Punkte ging. Collins gute Nachricht („Werder hat noch 2 Tore geschossen“) konnte mich angesichts seiner schlechten Nachricht („aber Leverkusen noch 3“) nicht so recht aufheitern.

Am Montag kam die nächste Doppelrunde, für Collin wurde es ein „Black Monday“. Vormittags musste er gegen den starken Nordschweden Emanuel Sundin ran. Wir waren gewarnt, denn der 19-jährige hatte bis dahin ein ausgezeichnetes Turnier gespielt und u.a. den top-gesetzten Kaan Küküksari besiegt. Aber Collin schlug sich prächtig und überspielte seinen erfahrenen Gegner. Leider wurde die Zeit etwas knapp, er übersah eine taktische Wendung und geriet in die Defensive. Objektiv war die Stellung noch ausgeglichen, aber praktisch in Zeitnot nicht zu halten. Ein bitterer Punktverlust, aber es sollte noch schlimmer kommen.

Wenige Stunden später ging es gegen den zweiten Isländer ans Brett, den 19-jährigen Simon Thorhallsson. Diesmal stimmte die Vorbereitung wieder und Collin erreichte gegen den Najdorf-Sizilianer großen Vorteil. Der Isländer brach mit einem Opferangriff alle Brücken hinter sich ab, die Stellung wurde scharf und erforderte von Collin große Genauigkeit. Aber er hielt stand und verwertete seinen Materialvorteil Schritt für Schritt – im 30-Sekunden-Rhythmus. Als er einen Zug vor dem Ziel stand … lief er in eine teuflische Pattfalle. Der Sieg war dahin, die Enttäuschung groß.

Am nächsten Tag hofften wir auf einen klaren Sieg gegen den Jungen mit dem langen Namen Warg Skahlberg Bjerknes-Lima de Faria (schwedische Mutter, portugiesischer Vater). Aber Collin hatte Schwarz, der Gegner ließ nichts anbrennen, die Stellung verflachte und alle Gewinnbemühungen waren vergebens. Ein klares Remis, an dem es nichts zu deuteln gab.

Am Schlusstag noch einmal eine Doppelrunde. Vormittags gegen einen starken Schweden, Hampus Sorensen aus Stockholm. Collin wurde wieder in der Eröffnung überrascht (Spanisch mit 3…g6), landete in einem ungewohnten Stellungstyp und wurde langsam überspielt. Neidlos muss man anerkennen, dass dies eine blitzsaubere Partie seines Gegners war. Mit 3,5 aus 8 war Collin plötzlich im negativen Bereich.

Schadensbegrenzung? Schadensbegrenzung! Nach 8 anstrengenden, ausgekämpften Partien gab es zum Schluss noch ein positives Highlight! Collin zelebrierte den „chinesischen Drachen“ und bekam eine aussichtsreiche Stellung. Als seinem gleichaltrigen Gegner, Akash Mitra aus Uppsala, eine kleine Ungenauigkeit unterlief, beendete Collin das Turnier mit einem wunderschönen Mattangriff mit Turmopfer.

Alle Partien von Collin kann man sich mit dem Link unten anschauen.

Im Endklassement setzten sich durchweg die älteren Spieler durch: Der 19-jährige Isländer Hilmir Freyr Heimisson gewann ungeschlagen mit 6,5 Punkten vor dem 20-jährigen Finnen Jere Lindholm (6 Punkte) und weiteren 5 Spielern mit 5,5 Zählern.  

50% in diesem wirklich schweren Turnier sind ein gutes Ergebnis, auch wenn es Collin unter dem Strich ein paar ELO-Pünktchen gekostet hat. Die Erfahrung in diesem internationalen Wettbewerb ist viel wichtiger als ein paar ELOs. Und dass Collin einen guten Eindruck hinterlassen hat, zeigt die Tatsache, dass er schon jetzt eine Einladung für das nächste Jahr bekommen hat.

Collins "Drachen" ist auf dem Sprung